Das ergonomische Belastungs-Beanspruchungs-Konzept als Lösungsansatz

Wie im ersten Teil beschrieben kann das Superkompensationsmodell nicht als allgemeingültige Rahmenkonzeption zur Beschreibung von sportlicher Leistung dienen.

Die Grundannahme des ergonomischen Belastungs-Beanspruchungs-Konzepts ist, dass der menschliche Organismus auf der Grundlage seiner erblichen Konstitution die Fähigkeit besitzt, auf die Umwelt zu reagieren, um ihre Faktoren für seine Existenz und Entwicklung zu nutzen oder sie zu ertragen (ökologische Potenz) (vgl. Müller 1982). Die nun zu beantwortende Fragestellung ist,  wie der menschliche Organismus auf Trainings- und Wettkampfbelastungen reagiert und wie es durch diese Reaktionen zu leistungsverändernden Anpassungen kommt.

Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept aus der Arbeitswissenschaft wurde modifiziert und dient als Basis für ein übergreifendes trainingstheoretisches Rahmenkonzept.

Die Grundidee des Belastungs-Beanspruchungs-Konzeptes:
In Abhängigkeit von unterschiedlichen individuellen Voraussetzungen (Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten) führt gleiche Belastung zu verschiedenen Beanspruchungen.

Im phänomen-orientierten Belastungs-Beanspruchungs-Konzept nach Rohmert (1983) werden die Belastungen durch:

a) Komponenten (Aufgabe: Joggen; Situation: Wetter),
b) (Belastungs-) Arten (konditionell: Kraftausdauer; informatorisch: Gelände) ,
c) (Belastungs-) Höhe (Intensität: Laufgeschwindigkeit; Umfang: Laufstrecke; Dauer: Laufzeit) und
d) zeitliche Abfolge der Teilbelastungen (simultan; sukzessiv) beschreibbar.

Dieses Belastungsgefüge bezeichnet Rohmert (1984) auch als „Komposition der Teilbelastungen“. Das Belastungsgefüge führt zu verschiedenen Teilbeanspruchungen der organismischen Teilsysteme (Komponenten). Der Grad der Beanspruchung zeigt sich in der Dynamik physiologischer (objektiv) und psychologischer Variablen (erfahrene Beanspruchung) bei Belastung (vgl. Abb unten).

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Beim integrierten Belastungs-Beanspruchungs-Konzept führt Rohmert (1984) zusätzlich die Handlungsregulation als Variable ein. Durch unterschiedliches menschliches Verhalten im Sinne der Handlungskompetenz können bestehende Handlungsspielräume genutzt werden, um bei gegebenen Belastungen je nach Antriebs- und Dispositionsniveau abgegebene Leistungen und resultierende Beanspruchungen zu regulieren (u.a. Einbezug motivationaler Faktoren).

Weiterhin spielt die Unterscheidung zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Belastungen und die zusätzliche Berücksichtigung der subjektiven Belastungsbewertung eine nennenswerte Rolle.

Eine genauere Betrachtung, was unter individuellen Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verstehen ist, ermöglicht der ressourcentheoretische Ansatz nach Schönpflug (1986; 1991).

Beanspruchungen und Ressourcen

Nach Schönpflug (1987) definieren sich Ressourcen als Mittel, die der Mensch einer Belastung entgegenzusetzen hat (Belastungsbewältigung). Beanspruchungen zeigen dann den Grad der Ausschöpfung vorhandener Ressourcen an.  Es lassen sich innere und äußere sowie strukturelle und konsumptive Ressourcen unterscheiden (Schönpflug 1986).  Äußere Ressourcen beinhalten alle natürlichen, technischen und sozialen Helfer und Hilfsmittel in der Umwelt.

Es sind insgesamt vier Ressourcenklassen möglich:

a) Innere strukturelle Ressourcen
persönliche Leistungsvoraussetzungen, deren Einsatz ohne kurzfristigen leistungsanalogen Abbau erfolgt, z.B. Gedächnis und Copingstrategien, Prozesse des Informationsverarbeitung sowie Muskelpaket mit Muskelaufbau und Faserung, Bewegungstechniken.

b) Äußere strukturelle Ressourcen
z.B. Rennrad, Skier (Material, Struktur)

c) Innere konsumptive Ressourcen
persönliche Leistungsvoraussetzungen, die einem kurzfristigen leistungsanalogen Abbau unterliegen, z.B. ATP-, KP- und Glykogenspeicher (Substratspeicher) sowie der intra- und extrazelluläre Wassergehalt.

d) Äußere konsumptive Ressourcen
z.B. der Inhalt einer Trinkflasche oder Sauerstoffflasche (Konsum, wird weniger)

Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Ressourcenklassen nicht unabhängig voneinander sind und auch die Zuordnung von Ressourcen zu einzelnen Klassen nicht absolut ist (Beispiel Proteinabbau bei lang andauernden Belastungen).

Zu welcher Ressourcenklasse eine Ressource zugeordnet wird, reguliert das Anspruchsniveau der jeweiligen Person. Im verhaltensökonomische Ansatz nach Schönplfug (1991) ist die zentrale These, dass die vorhandenen Ressourcen nach ökonomischen Grundsätzen verwaltet werden.

In Abhängigkeit von der Intention auf die Ressourcen unterscheidet man weiterhin in präparative und exekutive Beanspruchungen. Präparative Beanspruchungen sind meistens durch Training induzierte Beanspruchungen zur Vermehrung konsumptiver (Substratspeicher) und struktureller (Bewegungstechniken erlernen/optimieren) Ressourcen. Exekutive Beanspruchungen treten häufig im Wettkampf auf, bei dem das Erreichen einer maximalen Leistung das Ziel ist und die Beanspruchung als nebensächlich erscheint.

Aber: Beanspruchungen im Training können durchaus auch exekutiver Art sein, nämlich bei der Leistungsdiagnose und Beanspruchungen im Wettkampf können auch präparativen Charakter haben, nämlich Training durch Wettkampf.

Die Beziehung zwischen Belastung, Anspruchsniveau, Beanspruchung und Leistung im Training und Wettkampf

Zur Belastungsbewältigung stehen dem Sportler äußere und innere strukturelle und konsumptive Ressourcen zur Verfügung (Ressourcenpool), die in Abhängigkeit von den Wettkampf- oder Trainingsbelastungen und vom Anspruchsniveau unterchiedlich eingesetzt werden (vgl. Abb., unten). Die Trainingsbelastungen sollen so gestaltet sein, dass unter Berücksichtigung des Ressourcenpools und des individuellen Anspruchsniveaus optimale Beanspruchungen induziert werden und damit maximale Anpassungseffekte bewirken sowie Schädigungen vermeiden.

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Kurzfristige Beanspruchungen führen in Abhängigkeit von Art, Intensität und Dauer zur Reduktion der inneren konsumptiven Ressourcen, was wiederum Auswirkungen auf den Einsatz des gesamten Ressourcenpools und damit auf die Leistungen und die Beanspruchungen hat.

Langfristige Beanspruchungen führen in Abhängigkeit von Art, Intensität und Dauer zu Veränderung des Ressourcenpools und seiner Einsatzmöglichkeiten.  Positiv langfristige Veränderungen sind z.B. der muskuläre Glykogengehalt (innere konsumptive Ressource) oder Zunahme des Muskelquerschnitts (innere strukturelle Ressource).
Negativ langfristige Veränderungen durch Überbeanspruchungen sind z.B. Schädigungen des Sehnen- und Bandapparats (innere strukturelle Ressource).

Fazit und Ausblick

Die Beanspruchungstheorie sportlichen Trainings und Wettkampfs erhebt den Anspruch, Anpassungen verschiedener organismischer Teilsysteme als beanspruchungsbedingte Ressourcenveränderung zu beschreiben und zu erklären.

Die Chancen der Beanspruchungstheorie sportlichen Trainings und Wettkampfs liegen in:

a) der Möglichkeit, beanspruchungsbedingte Anpassungsprognosen abzuleiten.
b) der Möglichkeit der empirischen Überprüfung der Leistungsfortschritte.

Damit die Theorie eine praktische Bedeutung erlangt, sind nach Olivier (2001) jedoch die bisher noch defizitären Kenntnisse der verschiedenen Beanspruchungen und ihrer Effekte für die menschlichen Ressourcen zu verbessern.

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