Die Problemstellung

„Sportliches Training“ nach Schnabel (1994) und Martin, Carl & Lehnertz (1991) definiert sich als  „Einwirkung auf menschliche Leistungspotenzen durch Eigenaktivität und Übungstätigkeit und als Handlungsprozess zur Entwicklung sportlicher Leistungszustände.“

Das Prinzip der Superkompensation wurde in den vergangenen Jahren zur dominierenden trainingswissenschaftlichen Rahmenkonzeption zur Beschreibung und Erklärung der erläuterten Einwirkungen auf menschliche Leistungspotenzen, besonders, aber nicht ausschließlich im Bereich der konditionellen Fähigkeiten Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit (vgl. Martin 1977).

Die Funktionsweise des Prinzips der Superkompensation ist, dass der Organismus nach einer belastungsbedingten, reversiblen Reduktion der Leistungsfähigkeit (=Ermüdung) in der Erholungsphase die Leistungsfähigkeit wiederherstellt und eine zusätzliche Kompensation über das Basisniveau realisiert wird (Superkompensation). Wird während der Superkompensationsphase ein zusätzlicher Belastungsreiz gegeben, wiederholt sich der Kompensationsvorgang erneut. Dadurch kommt es theoretisch zu einer kontinuierlichen Steigerung der Leistungsfähigkeit (vgl. Abb).

Nach Harre & Schnabel (1993) lässt sich der Trainingsvorgang jedoch nicht auf das Superkompensationsprinzip reduzieren. Die dafürsprechenden Kritikpunkte werden im weiteren Verlauf angeführt und erläutert.

Kritik am Superkompensationsmodell

1. Aspekt: Überzogener Geltungsbereich

Der Geltungsbereich des Superkompensationsprinzips beinhaltete häufig sämtliche trainingsbedingten Anpassungen energetisch dominierter Teilleistungen (konditionelle Fähigkeiten) und wurde für die Konzentration der dafür relevanten energieliefernden Substrate herangezogen. Bisher konnte aber ausschließlich für den muskulären Glykogengehalt diese Annahme (teilweise) bestätigt werden (vgl. Viru 1996 und Blom, Costill & Völlestad 1987), weshalb das Prinzip nur eingeschränkt gelten kann.

2. Aspekt: Ermüdungsproblem

Die notwendige Reduktion der Leistungsfähigkeit vor ihrer Superkompensation spiegelt das Verständnis wider, dass die Ermüdung eines organismischen Teilsystems mit der Störung seiner Homöostase gleichzusetzen sei (vgl. Jakowlew 1972). Problematisch ist jedoch, dass nicht alle organismischen Teilsysteme als spontante Belastungsreaktion eine Reduktion ihrer Leistungsfähigkeit zeigen. Als Beispiele für belastungsbedingte Zunahmen gelten das allgemeine zentralnervöse Aktivierungsniveau und das Aktivitätsniveau des Herz-Kreislauf-Systems. Es kann daher nicht davon ausgegangen werden, dass die Ermüdung und die damit einhergehende reduzierte Leistungsfähigeit der einzige verantwortliche Faktor für die Anpassung ist.

3. Aspekt: Heterochronizitätsproblem

Die sportliche Trainings- oder Wettkampfbelastung spricht eine Vielzahl organismischer Teilsysteme an, die im zeitlichen Ablauf ihrer Wiederherstellung und potenziellen Superkompensation erhebliche Unterschiede aufweisen. Eine allgemeine Betrachtung der komplexen Größe „Leistungsfähigkeit“ ist daher nicht sinnvoll (Beispiel: Ausschließliche Superkompensation am Muskelsystem und Schädigung am Binde- und Stützsystem durch wiederholte unvollständige Wiederherstellung). Vielmehr ist eine Differenzierung in die verschiedenen organismischen Teilsysteme mit ihren unterschiedlichen Belastungsreaktionen für eine sinnvolle Leistungssteuerung notwendig.

4. Aspekt: Linearitäts- oder Kontinuitätsproblem

Die Linearitätsannahme des Superkompensationsprinzips widerspricht zum einen der Trainingswirklichkeit (z.B. Leistungsplateaus) und zum anderen theoretischen Überlegungen (Annahme unendlich möglicher Leistungssteigerungen gegenüber der Annahme individuell genetisch determinierter maximaler Anpassungsreserven).

Im zweiten Teil werden wir einen möglichen Lösungsweg erläutern.

Stay Clean, euer ATB Team!

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